Einsatz agiler Methoden im Anforderungsmanagement

Wenn mich jemand fragt, ob ich sportlich bin, dann antworte ich überzeugt mit "ja". Ich geh einmal in der Woche zum Sport, im Sommer gerne zum Schwimmen und immer wenn’s möglich ist, fahr ich mit dem Rad zur Arbeit. Das finde ich durchaus sportlich. Natürlich habe ich viele Freunde und Kollegen, die wesentlich mehr Sport treiben als ich. Martin läuft regelmäßig Marathon, Sven ist Triathlet und Sandra schwimmt Distanzen, für die ich das Auto nehmen würde. Das ist sicherlich "sportlicher" als meine Leistung. So ähnlich ist das auch mit dem "Agil sein".

In ausnahmslos jedem meiner Trainings für Requirements Engineering sitzen Teilnehmer, die agil arbeiten. Dabei ist die Bandbreite dessen, was unter agilem Vorgehen verstanden wird, erstaunlich groß. Während sich einige Unternehmen intensiv mit dem agilen Gedankengut beschäftigen und ihre traditionellen Abläufe sorgfältig und stückweise mit den neuen Methoden verbinden, beschließen andere quasi über Nacht, dass sie ab sofort "agil" sind.

Was bedeutet "agil" arbeiten wirklich?

Die Basis allen "Agil seins" ist das Agile Manifest. Im Unterschied zu traditionellen Methoden der Softwareentwicklung wird beim agilen Ansatz Wert darauf gelegt, in sehr guter Teamarbeit und in enger Zusammenarbeit mit dem Kunden ein funktionierendes Produkt von hohem Nutzen zu schaffen. Perfektion und Formalien sind zwar nicht unwichtig, aber bei diesem Vorgehen nachrangig. Die Entwicklung erfolgt iterativ in Zyklen. Jeder Zyklus berücksichtigt die Erkenntnisse des vorherigen und bringt das Produkt weiter.

Das agile Vorgehen ist insbesondere dann hilfreich, wenn zu Beginn eines Projektes noch nicht alle Requirements vollständig bekannt sind oder das Projektteam noch nicht sagen kann, welche Methoden für die Umsetzung zum Einsatz kommen. Dann muss das Team zunächst ein Stück auf dem Weg gehen, Erfahrungen sammeln, bei Bedarf die Richtung etwas korrigieren und sich Schritt für Schritt mit einigen Erkenntnisschleifen zum Ziel vortasten.

Ist "agiles" Vorgehen tatsächlich das Allheilmittel gegen jede Art von Projektschmerz?

Ich selbst bin eine große Freundin von agilen Gedanken und Methoden. Von daher bin ich auch wirklich überzeugt, dass sich die Herausforderungen einer schnelllebigen Welt mit diesem Mindset besser bewältigen lassen als mit altbewährten Werkzeugen. Wenn unbekanntes Projektterrain erobert werden muss, dann geht das nur, indem die Beteiligten zuerst einen kleinen Schritt machen, Erfahrung sammeln, daraus lernen und auf der Basis dieser Erkenntnisse den nächsten Schritt gehen.

Aber: Ich würde bei Weitem nicht in jedem Fall auf agile Methoden zurückgreifen. Wenn ein Vorhaben sich sehr gut im Voraus planen lässt und alle wichtigen Informationen bereits zu Beginn bekannt sind, dann gibt es keinen Grund, agile Methoden einzusetzen. Warum die Planbarkeit an dieser Stelle nicht nutzen?

Das bedeutet: Nur weil Agilität einen Hype-Charakter hat, ist sie noch lange nicht die richtige Vorgehensweise für alle Projekte. Ganz nach dem Motto: Ich habe zwar einen neuen Hammer, aber um mich herum sind nicht überall Nägel.

Wie muss ich arbeiten, um "agil" zu sein?

Für Projekte, in denen agile Methoden eingesetzt werden, hat es sich etabliert, die Requirements in Form von sogenannten "User-Stories" zu beschreiben. Eine User-Story hat diesen Aufbau: »Als <Nutzer> möchte ich <etwas tun> um zu <…>«. Der Requirements Engineer versetzt sich hier in die Rolle des späteren Nutzers und trägt damit bereits implizit der Forderung nach einem hohen Kundennutzen Rechnung.

Das zyklische Vorgehen und die sofortige Umsetzung von gewonnenen Erkenntnissen im nächsten Schritt bedeutet, dass eine Verbesserungsidee schnellstmöglich umgesetzt werden kann und nicht erst nach Auslieferung des fertigen Produktes in einer neuen Version. Änderungen der Requirements sind beim agilen Vorgehen ganz ausdrücklich willkommen. Natürlich muss im Hintergrund eine saubere Dokumentation mitgeführt werden. Doch der Fokus liegt darauf, das bestmögliche Produkt zu erstellen – und nicht das perfekte Dokument.

Ob nun agil oder nicht – das Wichtigste beim Requirements Engineering ist immer noch, dass die Requirements vollständig und in guter Qualität aufgeschrieben sind. Während das bei den traditionellen Methoden an einem Stück im Voraus erfolgt, werden sie beim agilen Vorgehen nach und nach niedergeschrieben.

Fazit: Es gibt nicht DAS richtige "agil"

Agil sein ist so individuell wie die Projekte, die wir vorantreiben. Es gibt verschiedenste agile Methoden. Jede hat ihr spezifisches Anwendungsgebiet und ihren besonderen Nutzen. Es gilt herauszuarbeiten, welche davon oder welche Kombination zum eigenen Projekt und zur eigenen Firma am besten passen. Was aber allen Projekten und beteiligten Personen gemein sein muss, das ist das tiefe Verständnis der agilen Grundsätze, wie sie im agilen Manifest beschrieben sind.

Um den Bogen zum Sport zu schließen: Ich bin sportlich, aber ich werde sicherlich nie einen Marathon laufen. Zu mir passt Schwimmen einfach besser. Wie sportlich – pardon, wollte sagen, wie agil sind Sie?

Haben wir Ihr Interesse geweckt?

Mehr zum Thema Anforderungsmanagement erfahren Sie in unserer Seminaren zum IREB® Certified Professional for Requirements Engineering.

Dr. Gabriele Haller

Dr.,

Dr. Gabriele Haller ist im Auftrag der ISARTAL akademie für Seminare zum IREB® Certified Requirements Engineer und ISTQB® Certified Tester als freiberufliche Trainerin tätig. Darüber hinaus leitet sie den Arbeitskreis Requirements der GI-Regionalgruppe München.

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